In diesem Artikel:
- Beschreiben wir grundsätzliche Themen der Nachhaltigkeit und ihrer Messbarmachung, von Klima zu breiteren naturbezogenen Themen
- Analysieren die Bedeutung von ambitionierten Maßnahmen durch Unternehmen des Chemiesektors, um entlang dieser Themen ihren Beitrag zu langfristig stabilen Ökosystemen zu leisten
- Stellen einen Ansatz in drei Schritten vor, wie Chemieunternehmen ihren Einfluss auf die Natur optimieren können
- Erklären, was Frösche mit all dem zu tun haben
Der Chemiesektor und die Natur
Die Chemische Industrie liefert die Bausteine für nahezu alle industriellen Wertschöpfungsketten, für 95% aller Produkte, die wir täglich nutzen. Kaum eine Branche prägt unseren Alltag stärker. Mit rund 240 Milliarden Euro Jahresumsatz in Deutschland ist sie zudem der drittgrößte Sektor des Landes. Dabei ist die Chemiebranche der größte industrielle Energieverbraucher, und der drittgrößte Industriesektor in Bezug auf direkte CO2-Emissionen: Da der überwiegende Teil der genutzten Energie noch aus fossilen Energieträgern stammt, verursacht der Sektor dadurch etwa 6 % der weltweiten Treibhausgasemissionen, so das World Resources Institute.
Gleichzeitig steht der Sektor vor großen Herausforderungen. Etwa die Hälfte des Energieeinsatzes der chemischen Industrie wird als Energiequelle genutzt, die andere Hälfte aber als physischer Rohstoff genutzt. Dadurch ist die Dekarbonisierung hier besonders schwierig, lassen sich diese Kohlenstoffmoleküle schließlich nicht durch Elektrizität ersetzen.
Doch ihr Beitrag zum Klimawandel ist nicht der einzige Effekt der Chemiebranche auf die Umwelt: sie hat einen großen Wasserverbrauch und viele Prozesse umfassen potenziell problematische Chemikalien, die sorgsam gemanagt werden müssen – und idealerweise sukzessive durch umweltfreundlichere ersetzt.
Um die Transformation der Chemieindustrie hin zu einer sicheren, ressourceneffizienten und kreislauforientierten Branche in einem klimaneutralen Europa zu unterstützen, hat der Verband der Europäischen chemischen Industrie CEFIC daher branchenspezifische Indikatoren entwickelt, die die Umwelteinflüsse der Chemiebranche umfassend messbar machen. Sie orientieren sich am Rahmenwerk der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Die Indikatoren sind nach sechs zentralen Nachhaltigkeitsfeldern strukturiert:
- Treibhausgase: den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft ermöglichen
- Materialverbrauch: Ressourceneffizienz entlang globaler Wertschöpfungsketten steigern
- Zirkularität: die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft systematisch verankern
- (Non)toxizität: Schutz von Menschen und Planeten
- Kompetitivität: eine wettbewerbsfähige EU-Chemieindustrie stärken, die Innovation vorantreibt und die grüne Transformation ermöglicht
- Governance: eine wirksame Governance-Struktur etablieren, die klare Rahmenbedingungen schafft und Regulierung, Lieferketten und Innovation in Einklang bringt
Damit gehen die Indikatoren von CEFIC über das hinaus, was häufig als „Carbon Tunnel Vision“ bezeichnet wird – eine übermäßige Verengung der Aufmerksamkeit auf Treibhausgase allein. Sie lenken den Blick auf ein umfassenderes Verständnis von Natur und auf die systemischen Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Ökosystemen.
Probleme jenseits des Klimas
Unternehmen sind einerseits von Ökosystemen abhängig und wirken andererseits durch ihre Aktivitäten auf diese ein. Sich ausschließlich auf einzelne Umweltwirkungen konzentrieren und andere kritische Abhängigkeiten zu übersehen, ist ein Risiko. Denn laut einem Bericht des World Economic Forum hängen mehr als 50 % der Wertschöpfung in den Lieferketten chemischer Unternehmen, ähnlich wie in den meisten anderen Industrien, stark oder zumindest moderat von der Natur ab1.
Die europäische Gesetzgebung greift diese Perspektive mit dem Konzept der doppelten Materialität auf, das im Zentrum der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) steht. Zu verstehen, was genau diese Wirkungen und Abhängigkeiten sind, wie und wo sie entstehen und warum sie relevant sind, ist entscheidend für Geschäftsmodelle und Lieferketten.
Die Berücksichtigung der Lieferketten ist dabei besonders wichtig, denn ein Großteil der naturbezogenen Abhängigkeiten im Chemiesektor liegt nicht in den eigenen Betriebsstätten, sondern in den vorgelagerten Lieferketten. Obgleich sie also kaum direkten Einfluss auf die Auswirkungen auf und Risiken durch Natur in diesen vorgelagerten Wertschöpfungsschritten haben, sind die Firmen des Chemiesektors stark durch sie beeinflusst.
Zwei Arten von Umweltrisiken
Physische Risiken beziehen sich darauf, wie die Auswirkungen des Klimawandels und die Degradation der Natur eine Organisation direkt betreffen. Dazu gehört insbesondere die Quantifizierung der Abhängigkeiten von Ökosystemleistungen, etwa von Wasser, fruchtbaren Böden oder stabilen Ökosystemen.
Übergangsrisiken entstehen im Zuge des Übergangs zu einer Wirtschaft, die im Einklang mit Planetaren Grenzen ist (einschließlich klimafreundlich). Sie stehen im Zusammenhang mit technologischen Veränderungen, Marktzugang, regulatorischen Anforderungen und neuen Compliance-Vorgaben.
Deswegen sollten Unternehmen ihre bestehende Nachhaltigkeitsstrategie kritisch überprüfen und von einer rein auf CO₂ fokussierten Perspektive zu einem ganzheitlichen Naturansatz übergehen, und dabei dringend auch ihre vorgelagerte Lieferkette berücksichtigen.
Und was ist mit Fröschen?
Heute ist der Internationaler Tag des Frosches: Amphibien, die auch empfindliche Indikatoren für Umweltveränderungen sind. Ihr Zustand zeigt früh, wenn Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten. Chemische Verschmutzung wirkt sich direkt auf Amphibien aus, unter anderem lassen sich folgende Effekte feststellen:
- Hormonelle Störungen durch endokrin schädigende Chemikalien, beispielsweise Atrazin.
- Entwicklungsstörungen, wie missgebildete Gliedmaßen oder unterentwickelte Organe, verursacht durch die Exposition gegenüber Pestiziden und industriellen Schadstoffen.
- Degradation von Lebensräumen, verursacht durch landwirtschaftlichen Abfluss, Eutrophierung und sauren Regen. Diese Faktoren schaffen ungeeignete Umweltbedingungen für das Überleben von Amphibien.
- Biomagnifikation, bei der ganze Ökosysteme von Schadstoffen wie Schwermetallen und persistenten Chemikalien betroffen sind, die sich im Gewebe von Amphibien anreichern.
Als sowohl Räuber als auch Beute tragen Amphibien zum Gleichgewicht von Ökosystemen bei, indem sie Insektenpopulationen regulieren und gleichzeitig als Nahrungsquelle für andere Arten dienen. Ihr Verschwinden stört Nahrungsketten, und ihre Rolle als Bioindikatoren macht Umweltdegradation sichtbar.
Leider zeigen die Daten, dass 40 % der Amphibienarten weltweit, auch in Europa und Deutschland, vom Aussterben bedroht sind und viele Arten rückläufige Populationen aufweisen. Gründe sind insbesondere der Verlust von Lebensräumen und Umweltverschmutzung. Das entspricht der unglücklichen Tatsache, dass nur in der EU nur rund 40 % aller Gewässer in gutem Zustand sind. Ein Beispiel der Großen Verantwortung des Chemiesektors: Im Rhein befinden sich Schätzungen zufolge bis zu 30.000 chemische Substanzen, von denen nicht alle bekannt sind, wie eine Recherche von Correctiv. Gleichzeitig wurden zwischen 2020 und 2025 im Südwesten Deutschlands in 32 Fällen auffällige Mikroschadstoffe entdeckt, darunter auch fünf Substanzen, die bis heute nicht identifiziert werden konnten. Trotz des großen Fortschrittes in umweltfreundlicheren Fertigungsprozessen und sichereren Chemikalien bleibt die weitere Verbesserung seines Umweltfußabdrucks also eine große Aufgabe des Chemiesektors.
Die Situation der Amphibien ist nur ein Beispiel von vielen für die ökologischen Kosten unkontrollierter chemischer Verschmutzung. Sie macht deutlich, wie wichtig Naturstrategien und Risikoanalysen für Chemieunternehmen sind.
„Only what gets measured, gets managed“ – doch wie misst man „Natur“?
Um effektive Maßnahmen zu entwickeln, müssen Naturstrategien fest in Unternehmensstrategien verankert sein. Hierfür bedarf es als erstes eine solide Datengrundlage. Der Ausgangspunkt ist ein klares Verständnis davon, was Natur ist und wie sie sich messen lässt.
Die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services der Vereinten Nationen, IPBES, sowie das Science Based Targets Network, SBTN, definieren Natur als „alle nicht vom Menschen geschaffenen lebenden Einheiten sowie ihre Wechselwirkungen mit anderen lebenden und nicht lebenden physischen Einheiten und Prozessen“.
Die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) der International Financial Reporting Standards Foundation (IFRS) hat basierend auf dieser Definition ein Bemessungsschema entwickelt, das Transparenz über naturbezogene Risiken und Abhängigkeiten schaffen soll. In Analogie zu den Regeln zur Messung und Offenlegung von Finanzkennzahlen sollen Unternehmen damit ihre Risiken systematisch identifizieren, bewerten, steuern und gegebenenfalls offenlegen – gegenüber Investoren, weiteren Adressaten der Finanzberichterstattung und relevanten Anspruchsgruppen.
Dabei unterscheidet die TNFD vier zentrale Dimensionen:
- Abhängigkeiten – Leistungen der Natur, auf die das Unternehmen angewiesen ist
- Auswirkungen – positive oder negative Effekte der Geschäftstätigkeit auf Natur und Ökosysteme
- Risiken – finanzielle oder operative Risiken für das Unternehmen, die sich aus Abhängigkeiten und Auswirkungen ergeben
- Chancen – strategische und wirtschaftliche Potenziale, die durch positive Beiträge zur Natur oder durch die Minderung negativer Auswirkungen entstehen
Für Unternehmen bedeutet das: weg von isolierten Maßnahmen, hin zu integrierten Strategien, die Klima, Biodiversität, Wasser und Landnutzung gemeinsam adressieren und Zielkonflikte minimieren.
Ein solcher Ansatz ermöglicht wissenschaftsbasierte Entscheidungen zur Sicherung ökologischer Stabilität. Denn Natur, insbesondere Biodiversität und Ökosystemleistungen, ist zentral für Gesundheit, Wohlstand und wirtschaftliche Aktivitäten, von denen Unternehmen direkt abhängen.
Von Daten zu Maßnahmen: Naturbasierte Strategien
Viele Chemieunternehmen haben bereits eine Klimastrategie definiert – tatsächlich sind Europäische Chemiunternehmen unter den globalen Vorreitern hierbei. Wie wir in der ZDHC-Studie ‚Protecting Supply Chains and Natural Capital: The Power of safer Chemistry‘ sehen, gehen Naturstrategien jedoch weiter, auch wenn sich in den Ansätzen deutliche Gemeinsamkeiten zeigen. Im Mittelpunkt steht vor allem eine wissenschaftsbasierte Perspektive für Bewertung, Management und Berichterstattung. Auf operativer Ebene überschneiden sich viele der Maßnahmen zur Zielerreichung.
Dort, wo noch keine CO₂-Strategie etabliert ist, kann ein biodiversitätsorientierter Ansatz die Klimastrategie sogar stärker positiv beeinflussen als umgekehrt. Abbildung 2 zeigt, wie Maßnahmen, die aus der Perspektive von Biodiversität und Klima betrachtet werden, miteinander verflochten sind.

Quelle: IPCC
Bis hierhin lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen:
Eine Naturbewertung ermöglicht es Unternehmen, ihre wesentlichsten Belastungen zu identifizieren und zu verstehen, wie diese mit empfindlichen Ökosystemen zusammenwirken. Darauf aufbauend können sie gezielte, fundierte Maßnahmen definieren, die sowohl die Einhaltung regulatorischer Anforderungen als auch die langfristige ökologische Resilienz unterstützen.
Drei-Schritte-Ansatz
Alle Unternehmen sind von Ökosystemleistungen abhängig und beeinflussen diese zugleich. Wenn diese Abhängigkeiten nicht angemessen gemanagt werden, nachdem die Belastungsgrenzen des Erdsystems bereits überschritten wurden, entstehen physische und Übergangsrisiken. Nur ein ganzheitlicher Ansatz, der sich nicht ausschließlich auf die Verringerung unerwünschter Nebenwirkungen konzentriert, sondern auch naturpositive Lösungen anstrebt, kann ein vollständiges Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Klima- und Naturstrategien gewährleisten.
Quantis und BCG sind intensiv an der Entwicklung führender wissenschaftsbasierter Ziele zu Naturbezogener Effekte für Unternehmen beteiligt (u.A. durch die Mitentwicklung der Methodologie von SBTN – Science Based Targets for Nature) und haben diese schon mehrfach in Unternehmen implementiert. Basierend auf unserer entsprechenden methodischen und beratenden Expertise schlagen einen Drei-Schritte-Ansatz vor. Dieser ist vollständig mit den zuvor genannten Methoden und Berichtsanforderungen abgestimmt, darunter die EU-CSRD, SBTN und TNFD.
- Aktivitäten erfassen
Im ersten Schritt werden quantitative und qualitative Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette erhoben. Dazu zählen beispielsweise eingesetzte Chemikalienmengen, Wasserentnahmen und Energieverbräuche. - Einwirkungen auf die Natur bewerten
Auf Basis dieser Daten werden die daraus resultierenden Umweltbelastungen analysiert. Dazu gehören unter anderem Wasserverschmutzung, Ökotoxizität, Flächennutzung sowie Nährstoffeinträge. - Lokalen Kontext berücksichtigen und priorisieren
Abschließend werden die identifizierten Einwirkungen im jeweiligen ökologischen Kontext bewertet. Entscheidend ist die Vulnerabilität der betroffenen Ökosysteme. So lassen sich Risiken und Handlungsfelder gezielt priorisieren, etwa in wasserarmen Regionen oder Biodiversitäts-Hotspots.
Über die ökologischen Vorteile hinaus schafft dieser Ansatz einen messbaren geschäftlichen Mehrwert für Unternehmen, wie auch im Rahmen des TNFD hervorgehoben wird. Er reduziert operative Risiken wie Wasserknappheit und regulatorische Sanktionen. Gleichzeitig stärkt er die Stabilität der Lieferkette und verbessert Markenreputation. Zudem kann er das Vertrauen von Investoren erhöhen und den Zugang zu neuen grünen Finanzierungsinstrumenten ermöglichen.
Die Chemieindustrie ist bekannt für Forschung und Innovation. Nutzen wir dieses Potenzial, um Gemeinwohl und wirtschaftlichen Erfolg mit nachhaltigere Produkte zu verbinden.
Erfahren Sie, wie Quantis Chemieunternehmen dabei unterstützt, nicht nur Emissionen zu senken, sondern auch Naturrisiken zu bewerten und diese in die Lieferkette miteinzubeziehen.

