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Internationaler Zebra-Tag: Warum der Lebensmittelsektor über CO₂ hinausdenken muss 

Lesezeit: 11 mins

Am 31. Januar, dem Internationalen Zebra-Tag, feiern wir ein Tier, dessen schwarz-weißes Muster als Symbol für Einfachheit und Gegensätze gelten könnte. Doch in Wirklichkeit erinnert uns das Zebra an etwas Entscheidenderes: Die Welt ist selten nur schwarz oder weiß

Das gilt auch für Nachhaltigkeit. Viele Unternehmen bewerten ihren Fortschritt fast ausschließlich anhand einer einzigen Kennzahl: CO. Emissionen zu senken ist zweifellos wichtig – doch ein häufiger Fehler liegt darin, alle Nachhaltigkeitsbemühungen allein auf die Reduktion von Treibhausgasen zu konzentrieren. Diese Engführung, auch bekannt als „Carbon Tunnel Vision“, verkennt, wie eng Klima und Natur miteinander verflochten sind – und wie viel Potenzial ungenutzt bleibt, wenn Unternehmen Natur nicht als zentrale Größe im Umweltmanagement verstehen. 

Klima ist nur ein Teil des Ganzen. Die Systeme der Erde – Atmosphäre, Biosphäre, Geosphäre, Hydrosphäre und Kryosphäre – greifen ineinander. Was eines davon verändert, beeinflusst die anderen. Der Klimawandel wirkt auf Biodiversität, Wasserhaushalt, Böden – und umgekehrt. Unternehmen können den Handlungsrahmen der planetaren Grenzen nutzen, um zu bewerten, welchen naturbezogenen Risiken sie ausgesetzt sind und wie sie sich in einer sich wandelnden Umwelt anpassen müssen. 

CO₂ zu zählen reicht nicht, wenn gleichzeitig Böden erodieren, Wasser knapp wird und Arten verschwinden. 

Denn Unternehmen sind auch abhängig von Ökosystemleistungen wie Bestäubung, fruchtbaren Böden und Wasserverfügbarkeit. Mehr als die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung, rund 44 Billionen US-Dollar, ist moderat bis stark von der Natur abhängig. In der Landwirtschaft ist die Abhängigkeit noch höher. CO₂ zu zählen reicht nicht, wenn gleichzeitig Böden erodieren, Wasser knapp wird und Arten verschwinden. 

Klimawandel und Naturverlust sind untrennbar verbunden. Wenn Wälder als CO-Speicher verschwinden, steigen Klimarisiken. Gleichzeitig kann schlecht gestalteter Klimaschutz, etwa durch Monokulturaufforstung, der Natur schaden. Eine nachhaltige Unternehmensstrategie muss deshalb ganzheitlich sein. Sie muss Klimaschutz mit Naturschutz denken, um Zielkonflikte zu vermeiden und langfristige Resilienz zu sichern. 

Naturbezogene Risiken im Lebensmittelsektor 

Die biologische Vielfalt schrumpft rasant, und mit ihr Leistungen, die keine Technologie ersetzen kann. Ein klares Beispiel: Bestäubung. In Europa sind 84 % der Kulturpflanzen auf Insekten angewiesen. Der ökonomische Wert dieser Leistung liegt bei fast 15 Milliarden Euro jährlich. Doch die Bestäuberpopulationen brechen vielerorts ein. Die Folge sind geringere Erträge bei Obst und Gemüse, schwankende Verfügbarkeit und steigende Preise. 

Im weiteren Sinne sind über 80 % der Lebensräume in Europa in schlechtem Zustand. Wenn Böden, Insekten, Vögel und Mikroorganismen verloren gehen, verschwinden auch die natürliche Schädlingskontrolle, die Bodenfruchtbarkeit und die genetische Vielfalt. Landwirte werden dadurch anfälliger für Schädlinge und Ernteausfälle, und die Risiken übertragen sich auf die gesamte Lieferkette. 

Böden sind das Fundament unserer Lebensmittelproduktion und ein oft unterschätzter Wert. Gesunde Böden speichern CO, halten Wasser zurück und sichern stabile Ernten, dennoch sind viele Böden in Europa geschädigt. Aktuelle Studien des Joint Research Centre schätzen den jährlichen Ernteverlust durch Bodenerosion in der EU auf rund 1,25 Milliarden Euro. Über 12 Millionen Hektar, rund 7,2 % des Ackerlands, verlieren jedes Jahr fruchtbare Erde. Italien allein verliert 619 Millionen Euro jährlich durch Erosion. Das sind direkte Kosten für Landwirte und indirekte Kosten für Unternehmen, beispielsweise durch sinkende Erträge oder einen höheren Düngereinsatz, um den Verlust von Mutterboden auszugleichen. 

Für Unternehmen bedeutet dies regionale Engpässe, globale Preisschwankungen und steigende Beschaffungskosten.

Weitere, naturbezogene Risiken für Unternehmen sind Wasserknappheit und Dürren. Wasserknappheit ist in Europa zu einer echten Herausforderung geworden und betrifft nicht mehr nur Südeuropa. Auch Nord- und Mitteleuropa sind heute von Dürreperioden betroffen. Im Jahr 2019 lebten beispielweise 38 % der EU-Bevölkerung in Regionen mit Wasserstress. Der Hitzesommer 2022 führte in Frankreich, Italien und Deutschland zu deutlichen Ernteausfällen, insbesondere bei Mais, Soja und Getreide. Diese Lücken mussten durch Importe geschlossen werden. 

Für Unternehmen bedeutet dies regionale Engpässe, globale Preisschwankungen und steigende Beschaffungskosten. Die Landwirtschaft ist zugleich der größte Wasserverbraucher. In Südeuropa werden bis zu 70 % des Wassers für die Bewässerung verwendet, in der gesamten EU sind es 25 – 30 %. In Mangellagen verschärft sich der Wettbewerb um Wasser und Entnahmebeschränkungen werden wahrscheinlicher. 

Ob Biodiversität, Boden oder Wasser, sie alle bestimmen die Resilienz der Lieferketten.

Ob Biodiversität, Boden oder Wasser, sie alle bestimmen die Resilienz der Lieferketten. Landwirtschaftliche Betriebe in gesunden Ökosystemen können Schocks absorbieren, darum ist es entscheidend, wenn Unternehmen ihre Partner beim Umstieg auf diversifizierte, regenerative Landwirtschaft unterstützen. Ein Beispiel dafür könnte die Abkehr von Monokulturen sein, beispielsweise durch die Rückkehr der Milchbauern zur alten Praxis, ihr Vieh in Apfelplantagen weiden zu lassen. Die Bäume liefern Obst für den Verkauf sowie zusätzliches Viehfutter. Diversifizierte Anbausysteme sind nicht nur widerstandsfähiger gegen Schädlinge, Krankheiten und extreme Wetterereignisse, sondern verbessern auch die Bodengesundheit, die Wasserrückhaltung, die Biodiversität und andere Ökosystemleistungen, und bieten gleichzeitig wirtschaftliche Ressourcen für die Landwirte. Unternehmen können Strategien im Bereich der regenerativen Landwirtschaft finanziell unterstützen und mitentwickeln. 

Lieferkette: Regulatorische Pflichten jenseits von CO 

Die Regulierung entwickelt sich von einem engen CO-Fokus hin zu einem umfassenden Naturverständnis. Unternehmen im Lebensmittelsektor müssen sich auf Anforderungen einstellen, die über Treibhausgasemissionen hinausgehen. Mit dem European Green Deal verpflichtet das EU-Recht Unternehmen ab einer bestimmten Größe dazu, offenzulegen, wie Umwelt- und Sozialthemen Risiken und Chancen für ihr Geschäft darstellen, und wie ihre Tätigkeit Mensch und Umwelt beeinflusst. 

Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) konkretisiert diesen Paradigmenwechsel. Sie verpflichtet Unternehmen zur Anwendung der sogenannten doppelten Wesentlichkeit (Double Materiality). Das bedeutet: Einerseits müssen sie berichten, wie sich ihr Handeln auf Umwelt und Gesellschaft auswirkt (Impact-Materialität). Andererseits müssen sie offenlegen, wie ökologische und soziale Entwicklungen, etwa Klimawandel, Wasserknappheit oder Biodiversitätsverlust, kurz-, mittel- und langfristig finanzielle Auswirkungen auf ihr Unternehmen haben können (finanzielle Materialität). 

Parallel entsteht mit der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) ein globaler Berichtsstandard für naturbezogene Risiken. Noch freiwillig, aber bereits jetzt ein Leitfaden für künftige Regulierungen und Investorenerwartungen. 

Die Botschaft all dieser Rahmenwerke ist klar: Nachhaltigkeits-Compliance ist kein CO₂-Thema mehr allein. 

In Deutschland verlangt das Lieferkettengesetz (LkSG) von Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten, ein Risikomanagement einzurichten und regelmäßige Risikoanalysen entlang der Lieferketten durchzuführen. Ziel ist die Einhaltung von Menschenrechten in globalen Lieferketten und der Schutz der Umwelt, inklusive Themen wie Wasserverschmutzung oder Bodendegradation. 

Auf Produktebene gewinnt der Product Environmental Footprint an Bedeutung. Das EU-Rahmenwerk erfasst Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus z.B. Wasserverbrauch, Eutrophierung oder Biodiversitätsschäden. Die Botschaft all dieser Rahmenwerke ist klar: Nachhaltigkeits-Compliance ist kein CO₂-Thema mehr allein. Unternehmen müssen ihre Abhängigkeiten und Auswirkungen auf die Natur verstehen, messen und managen – auf Produkt-, Lieferketten- und Unternehmensebene. Wer früh handelt, senkt regulatorisches Risiko und ist besser gewappnet für Prüfungen, Marktanforderungen und Investorenanalysen. 

Geschäftliche Risiken: Naturvernachlässigung gefährdet Unternehmenswert 

Wer naturbezogene Nachhaltigkeit ignoriert, setzt sich physischen und Übergangsrisiken aus: 

Physische Risiken entstehen durch degradierte Ökosysteme, etwa durch Wasserknappheit, Bodenverlust, Pestizidresistenzen oder Bestäubermangel. Die Folgen: Rohstoffknappheit, Qualitätsprobleme, Preissprünge. 

Übergangsrisiken resultieren aus neuen Regeln, Markterwartungen oder Verbraucherforderungen. Transparenz und Rechenschaft werden gefordert. 

Auch Reputationsrisiken sind kritisch: Nachhaltigkeit und Vertrauen hängen zusammen. Verbraucher achten zunehmend auf Entwaldung, Pestizide und Artensterben. Wenn CO-Bilanzen glänzen, aber Lieferketten Arten zerstören, bröckelt das Vertrauen, im B2B ebenso wie im Endkundengeschäft. 

Finanzierungsrisiken rücken ebenfalls in den Fokus: Investoren, Banken und Versicherer verlangen Nachhaltigkeitsnachweise, die über CO hinausgehen. Die EU-Taxonomie und SFDR verpflichten Finanzakteure zu Offenlegungspflichten, auch zu Biodiversität, Landnutzung, Wasser. Schlechte Naturperformance kann zu höheren Kapitalkosten oder Finanzierungsengpässen führen. Resiliente Unternehmen gelten dagegen als verlässlicher. 

Chancen: Resilienz stärken, Wettbewerbsvorteile sichern 

Eine auf Natur fokussierte Nachhaltigkeitsstrategie kann aber auch ein Hebel für Wachstum sein: 

+ Lieferkettenresilienz: Investitionen in eine naturverträgliche Landwirtschaft stärken die Basis der Lieferanten. Regenerative Landwirtschaft, zum Beispiel in Form von Zwischenfrüchten, reduzierter Bodenbearbeitung oder Agroforst, verbessert Böden, Biodiversität und Wasserrückhalt. Partner zu unterstützen, einen adaptiven Ansatz zur Landwirtschaft zu betreiben durch Schulungen, Anreize und kollaborative Modelle senkt Risiken in der gesamten Lebensmittelversorgungskette.  

+ Kosten senken, Effizienz steigern: Naturnahe Landwirtschaft braucht oft weniger Dünger und Pestizide. Eine Studie der Boston Consulting Group zeigt: Regenerative Betriebe können nach einigen Jahren bis zu 60 % profitabler sein, durch geringere Inputkosten, weniger Bewässerung, stabilere Erträge. Stabile Lieferanten bedeuten kalkulierbare Preise. 

+ Innovation und Geschäftsmodelle: Biodiversitätsfreundliche Produktlinien mit messbaren Naturleistungen bieten Differenzierungspotenzial – ähnlich wie Bio, aber fokussiert auf konkrete Resultate. Initiativen wie „Landwirtschaft für Artenvielfalt“ zeigen, wie Zertifizierung und Vermarktung funktionieren können.  

+ Markenwert und Kundenbindung stärken: Entwaldungsfreie Lieferketten, aktiver Bestäuberschutz oder naturfreundliche Produktion schaffen Vertrauen. Deutsche Einzelhändler entwickeln bereits Biodiversitätsstandards und testen Monitoring-Instrumente mit Lieferanten. Sichtbare Naturleistung kann auch die Attraktivität als Arbeitgeber stärken und die ESG-Wahrnehmung auf den Kapitalmärkten verbessern. 

+ Marktzugang und Partnerschaften: Öffentliche Ausschreibungen berücksichtigen zunehmend Umweltkriterien. Unternehmen mit glaubwürdiger Naturstrategie haben bessere Chancen. Partnerschaften mit NGOs oder Initiativen wie Science Based Targets for Nature erhöhen Legitimität und Reichweite. Die Zusammenarbeit von Edeka und WWF zeigt, wie langfristige Kooperationen Lieferketten verbessern und Naturschutz fördern können. 

Fazit: Naturstrategie ist Wachstumsstrategie 

Eine naturbasierte Nachhaltigkeitsstrategie ist Versicherung und Wachstumsmotor zugleich. Sie reduziert Risiken und schafft Differenzierung. Unternehmen, die diesen Wandel aktiv gestalten, sichern sich Resilienz, Glaubwürdigkeit und langfristigen Erfolg. 

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Author(s):

  • Climate + Nature Lead, Quantis Germany

    Nicolas Loz de Coëtgourhant