- Die Pharmaindustrie ist stark von der Natur abhängig: Rund 80 % aller Arzneimittel haben ihren Ursprung in natürlichen Quellen, und jede Phase der Wertschöpfungskette hängt von stabilen Ökosystemen ab.
- Diese Stabilität ist gefährdet. Klimawandel, Verlust der biologischen Vielfalt und der Niedergang der Ökosysteme unterbrechen bereits heute die Versorgung mit essenziellen Medikamenten und setzen Patientinnen, Patienten und Unternehmen zunehmenden Risiken aus.
- Die Auswirkungen der Branche, vom Wasserverbrauch über die Landnutzungsänderung bis hin zur Umweltverschmutzung durch Arzneimittel, verstärken den Druck auf die Natur und führen zu regulatorischen wie auch finanziellen Risiken.
- Trotz der Fortschritte beim Klimaschutz werden naturbezogene Risiken in diesem Sektor bislang kaum berücksichtigt. Es ist jedoch entscheidend, die Lücke zwischen strategischen Verpflichtungen und operativen Entscheidungen in Forschung und Entwicklung, Beschaffung und Produktion zu schließen.
- Der Weg führt über Integration: Die Einbindung von Naturaspekten in bestehende Strategien steigert Effizienz, Resilienz und das Vertrauen der Investoren und verringert zugleich Doppelarbeit.
- Fünf Prioritäten stehen im Mittelpunkt: die Forschungspipeline schützen, ökologische Risiken in der Beschaffung steuern, Resilienz an Produktionsstandorten stärken, Naturaspekte in Finanzentscheidungen integrieren und die besten Standards anwenden.
Die Pharmaindustrie braucht Stabilität. Das heißt verlässliche Forschungsbedingungen, kontinuierlicher Zugang zu Rohstoffen, vorhersehbare Logistik und stabile Produktionsumgebungen. Doch genau diese Stabilität wird heute durch zwei sich verschärfende Krisen gefährdet: den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt.
Das folgende Schaubild zeigt, wie stark Pharmaunternehmen von der Natur abhängig sind:

Branchen mit einer hohen bis mittleren Abhängigkeit von der Natur erwirtschaften mehr als die Hälfte des weltweiten BIP, die Pharmaindustrie gehört klar dazu. Die Fortschritte beim Klimaschutz zeigen, was möglich ist, wenn eine Branche Nachhaltigkeit ernst nimmt: CO2-Bepreisung, SBTi-Ziele und Net-Zero-Fahrpläne sind inzwischen weit verbreitet. Doch während das Klimamanagement operative Reife erreicht hat, bleiben naturbezogene Risiken weitgehend unbeachtet und schaffen gefährliche blinde Flecken.
Die Natur darf keine nachgeordnete Sorge sein: ihre Schädigung verändert bereits jetzt grundlegend, wie die Branche arbeitet.
Die wachsende Abhängigkeit und der ökologische Fußabdruck der Pharmaindustrie
Etwa 80 % aller Medikamente stammen ursprünglich aus natürlichen Quellen. Fachleute schätzen, dass durch das Artensterben etwa alle zwei Jahre ein potenziell vielversprechender Wirkstoff für die medizinische Forschung verloren geht. Einige der bedeutendsten Medikamente der Branche gehen auf Ökosysteme zurück, die erforscht, geschützt und in manchen Fällen lange genug erhalten werden mussten, um die Entwicklung synthetischer Alternativen zu ermöglichen. Beispiele dafür sind ACE-Hemmer gegen Bluthochdruck, die erstmals aus dem Gift der brasilianischen Grubenotter gewonnen wurden, das Krebsmedikament Taxol, entdeckt in der Rinde der Pazifischen Eibe, sowie Trabectedin, entwickelt aus Meeresorganismen.
Gleichzeitig werden zentrale Produktionsfaktoren, von Heilpflanzen bis zu Mais und Zuckerrohr, zunehmend durch Dürren, Bodendegradation und den Rückgang von Ökosystemen gefährdet. Die Herstellung erfordert große Mengen sauberen Wassers, während Logistik und Kühlketten auf stabile Infrastrukturen und vorhersehbare Bedingungen angewiesen sind.
Jede Phase der Wertschöpfungskette ist mit der Stabilität der Natur verknüpft, die gerade ins Wanken gerät. Wenn diese Systeme versagen, trifft es jene am härtesten, die am meisten darauf angewiesen sind: die Patientinnen und Patienten. Artemisinin, gewonnen aus Beifuß, ist die Grundlage der Malariabehandlung. Doch klimabedingte Ernteausfälle in Asien haben bereits Lieferengpässe verursacht und Preise in die Höhe getrieben. Heparin, eines der meistverwendeten Blutverdünnungsmittel, wird aus Schweinedarm gewonnen und war durch Tierseuchen mehrfach knapp. Und in Indien, einem globalen Zentrum für pharmazeutische Wirkstoffe, haben Überschwemmungen und Wasserknappheit die Antibiotikaproduktion zeitweise unterbrochen und zu Engpässen auf den Weltmärkten geführt. Das Natur-Risiko wird damit direkt zum Patientenrisiko.
Doch die Abhängigkeit ist nur eine Seite der Medaille: Die Pharmaindustrie trägt auch selbst zu den Belastungen der Natur bei. Wasserverbrauch, Flächenumwandlung für Rohstoffe und Arzneimittelverschmutzung zählen zu den größten ökologischen Auswirkungen der Branche. Dadurch ist sie nicht nur physischen Risiken wie Wasserknappheit ausgesetzt, sondern auch Übergangsrisiken infolge regulatorischer Maßnahmen.
So wird die überarbeitete EU-Richtlinie zur Behandlung kommunaler Abwässer pharmazeutische Unternehmen künftig finanziell für die Entfernung von Arzneimittelrückständen aus Abwässern verantwortlich machen. Das zeigt, dass naturbezogene Auswirkungen bereits in rechtliche und wirtschaftliche Risiken übergehen. Eine Produktgestaltung mit geringerer Ökotoxizität kann diese Belastung mindern, da Verbesserungen entlang der Lieferkette den Beitrag im Rahmen der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) verringern.
Einige führende Unternehmen beginnen zu handeln. Doch meist bleibt das Engagement auf Unternehmensebene stehen, weit entfernt von den Bereichen, in denen Risiken und Chancen tatsächlich entstehen: in Beschaffung, Produktentwicklung und Betrieb. Diese Lücke zwischen strategischen Zusagen und alltäglichen Entscheidungen zu schließen, bleibt eine der größten Herausforderungen für die Branche.
Die Lücke schließen: Naturbezogene Risiken in die Praxis umsetzen
Ohne einen integrierten Ansatz erhalten Unternehmen nur ein fragmentiertes Bild, das entscheidende Risiken verdeckt. Diese Herausforderung ist in der Pharmaindustrie besonders ausgeprägt, ihre Lieferketten sind komplex, vielstufig und stark segmentiert. Die Risiken unterscheiden sich deutlich je nach Ebene, Region und sogar Produktlinie.
Die folgende Grafik zeigt, wie ein Ansatz mit mehreren Kategorien dabei hilft, operative Prioritäten zu setzen. Dabei werden Wirkstoffe (APIs), Lösungsmittel und biologische Ausgangsstoffe als die dringendsten Kategorien identifiziert, in denen Handlungsbedarf besteht. Verpackungen und Hilfsstoffe gelten als weniger dringend und können in einer zweiten Phase adressiert werden.

Um diese Prioritäten in die Praxis umzusetzen, muss die Natur direkt in die Arbeitsweise zentraler Unternehmensfunktionen integriert werden:
- Forschung und Entwicklung (F&E): Die Berücksichtigung der Natur in der Forschung bedeutet, Biodiversitätsindikatoren bereits in den frühen Phasen der Entwicklung einzubeziehen, Abhängigkeiten von natürlichen Verbindungen zu erfassen und Partnerschaften mit Naturschutzinitiativen aufzubauen, um den Zugang zu Ressourcen langfristig zu sichern. Sie bedeutet auch, die Rentabilität neuer Medikamente zu schützen: Nicht kontrollierte pharmazeutische Verschmutzung kann die antimikrobielle Resistenz beschleunigen, wodurch die Wirksamkeit neuer Wirkstoffe sinkt und Investitionen in F&E an Wert verlieren. Daher ist es entscheidend, ökologische Toxizität systematisch zu berücksichtigen und Maßnahmen zur Gewässerreinhaltung auf Einzugsgebietsebene zu unterstützen, damit Laborergebnisse auch in der Praxis Bestand haben.
- Beschaffung: Die pharmazeutische Wertschöpfungskette stützt sich stark auf biologische Rohstoffe. Pflanzliche, tierische oder biotechnologische Materialien, die zunehmend unter Trockenheit, Bodendegradation und dem Rückgang von Ökosystemen leiden. Hier bedeutet Umsetzung, geografische Hochrisikogebiete zu identifizieren, Kriterien zu Wasser, Landnutzung und Biodiversität in die Lieferantenauswahl aufzunehmen und Verträge um Anforderungen zu erweitern, die mehrere Umweltaspekte berücksichtigen – nicht nur den CO₂-Ausstoß. Lieferantenprogramme sollten über einfache Emissionsabfragen hinausgehen und auf integrierte Rahmenwerke umgestellt werden, die Wasser, Boden und Biodiversität abdecken sowie gemeinsame Minderungspläne etwa zur Wassernutzung oder entwaldungsfreien Beschaffung enthalten.
- Betrieb und Produktion: Die Pharmaindustrie ist sowohl wasser- als auch energieintensiv. Die Integration der Natur in die Produktion heißt, wasserbezogene Ziele auf Ebene von Einzugsgebieten zu setzen, in zirkuläre Wasserkonzepte zu investieren und sicherzustellen, dass Produktionsstandorte widerstandsfähig gegenüber Klimaschocks und dem Rückgang der Ökosysteme sind.
Indem der Sektor Naturaspekte fest mit der Klimastrategie im operativen Alltag verknüpft, kann er blinde Flecken vermeiden, Doppelarbeit reduzieren und die Resilienz seiner Lieferketten nachhaltig stärken.
Warum Integration wichtig ist: Effizienz und Resilienz
Die Pharmaindustrie muss das Rad nicht neu erfinden. Viele der Systeme, Datengrundlagen und Partnerschaften, die bereits für den Klimaschutz aufgebaut wurden, können ebenso für naturbezogene Ziele genutzt werden. Wenn Unternehmen Naturaspekte mit bestehenden Klimainitiativen verknüpfen, können sie ihre Wirkung vervielfachen, mit nur geringem zusätzlichem Aufwand.
Die Arbeit an den Daten des einen Bereichs verbessert automatisch den anderen. Wie die folgende Grafik zeigt, entsteht Effizienz, weil Klima- und Naturrisiken eng miteinander verbunden sind.

Die Lebenszyklusanalyse (LCA), die heute zur Quantifizierung von Kohlenstoffemissionen eingesetzt wird, kann ebenso die Auswirkungen auf Wasser und Landnutzung erfassen. Dasselbe Lieferantenfragebogen kann Daten zu Emissionen, Biodiversität und Entwaldung erheben. Anstatt parallele Prozesse zu betreiben, können Unternehmen bestehende Systeme erweitern und eine integrierte Datengrundlage schaffen, die reichhaltigere Erkenntnisse zu Klima und Natur liefert, bei geringerem Aufwand, niedrigeren Kosten und stärkeren Lieferantenbeziehungen.
Dieser Wandel findet bereits im großen Maßstab statt. Im Rahmen der Sustainable Markets Initiative Health Systems Task Force legen Unternehmen wie AstraZeneca, GSK, Sanofi, Novo Nordisk und Roche gemeinsame Lieferantenziele fest, die über CO2-Emissionen hinausgehen und auch Wasser und Abfall einbeziehen. So entsteht ein Potenzial zur Einsparung von rund 3,5 Millionen Tonnen CO2 e pro Jahr bei über 100 zentralen Lieferanten. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, wie kollektives Handeln Wirkung vervielfacht und gleichzeitig Prozesse vereinfacht.
Auch die Resilienz steigt, wenn Klima und Natur gemeinsam betrachtet werden. Beide beruhen auf denselben finanziellen Grundlagen: Sie beeinflussen Versorgungssicherheit, regulatorische Kosten und den Zugang zu Kapital. Große Vermögensverwalter wie AXA IM haben bereits betont, dass die Abhängigkeit gegenüber Biodiversität künftig Kapitalentscheidungen prägen wird. Für die Pharmaindustrie bedeutet das ein klares finanzielles Signal: Unternehmen, die Natur- und Klimathemen nicht integrieren, müssen mit höheren Finanzierungskosten rechnen. Wer hingegen glaubwürdige, wissenschaftlich fundierte Maßnahmen ergreift, stärkt das Vertrauen der Investoren und sichert den Zugang zu Kapital.
Die Bündelung der Stakeholder-Bemühungen für Klima und Natur reduziert das Risiko von blinden Flecken – ob bei Wasserknappheit, Entwaldungsauflagen oder strengeren Investorenprüfungen.
Auch in der Umsetzung gibt es zahlreiche Überschneidungen. Viele Maßnahmen fördern Klima- und Naturziele zugleich: Die Umstellung auf alternative Lösungsmittel senkt Emissionen und Wasserbelastung, Abfallreduktion mindert Deponie- und CO2-Ausstoß, und zirkuläre Wassersysteme entlasten Ökosysteme und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber Trockenheit. Unternehmen können sich dabei auf bewährte Rahmenwerke stützen, um die Integration gezielt voranzutreiben.
- Bestehende Rahmenwerke erweitern: Die an die TCFD (Task Force on Climate-related Financial Disclosures) angelehnten Instrumente lassen sich auf die TNFD (Taskforce on Nature-related Financial Disclosures) ausweiten. Auch die CSRD und die EUDR integrieren bereits Klima- und Naturaspekte in ihre Sorgfaltspflichten.
- Lieferanten stärker einbinden: Fragebögen, die sich ausschließlich auf CO2-Emissionen konzentrieren, sollten durch mehrdimensionale Bewertungsrahmen ersetzt werden, die Boden, Wasser und Biodiversität einbeziehen.
- Operative Instrumente ausbauen: Der Product Carbon Footprint (PCF), Risikokartierungen und Berichtssysteme können zu Multi-Impact-Bewertungen weiterentwickelt werden, um Umwelteinflüsse ganzheitlich zu erfassen.
- Bewährte Prozesse nutzen: Unternehmen können auf etablierte Standards wie TNFD, SBTN und Mitigation Hierarchien (z. B. ACT-D oder AR3T) zurückgreifen. Diese lassen sich gut mit den bestehenden Qualitäts- und Risikomanagementsystemen der Pharmaindustrie verknüpfen.
Ein integrierter, einheitlicher Aktionsplan ermöglicht es, bestehende Initiativen über mehrere Dimensionen hinweg weiterzuführen. So werden Effizienzpotenziale freigesetzt, die Resilienz gestärkt und kritische Risikolücken entlang der gesamten Wertschöpfungskette geschlossen.
Von isolierten Unternehmensstrategien zu einer wirklich integrierten Unternehmenspraxis.
Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Pharmaindustrie. In allen Branchen wachsen Klima- und Naturrisiken zunehmend zusammen, und isolierte Strategien können mit dieser Dynamik nicht mehr Schritt halten. In Forschung und Entwicklung, Beschaffung und Produktion entstehen bereits praxisnahe Beispiele. Entscheidend für die nächste Phase ist Führung: von verstreuten Einzelinitiativen hin zu einer klaren, sektorübergreifenden Agenda.
Fünf Handlungsprioritäten für die Pharmaindustrie
1. Forschung & Entwicklung: Die Pipeline schützen
- Abhängigkeiten von natürlichen Rohstoffen erfassen und dokumentieren.
- Frühzeitige Ökotoxizitätsprüfungen durchführen, um Rückschläge zu vermeiden.
- Mit Naturschutzinitiativen zusammenarbeiten, um den Zugang zu genetischen Ressourcen langfristig zu sichern.
2. Lieferketten: Risiken für Ökosysteme steuern
- Lieferanten nach ihrer Anfälligkeit gegenüber Wasser-, Landnutzungs- und Biodiversitätsrisiken segmentieren.
- Naturbezogene Kennzahlen (KPI) in Bewertungsbögen und Verträge aufnehmen.
- Partnerschaften für entwaldungsfreie Beschaffung und Wassermanagement auf Einzugsgebietsebene fördern.
3. Standorte: Resilienz in den Betriebsstätten aufbauen
- Wasserziele auf Ebene der Einzugsgebiete für zentrale Produktionsstandorte festlegen.
- Zirkuläre Wassersysteme implementieren, um sowohl Dürregefahren als auch Abwassermengen zu verringern.
- Rückstände von Arzneimitteln in Wasser und Boden regelmäßig überwachen und reduzieren.
4. Finanzen: Natur in Entscheidungsprozesse integrieren
- Naturindikatoren in CO2-Bepreisung und Kapitalallokation einbeziehen.
- Erwartungen von Investoren (EU-Taxonomie, CSRD, TNFD) erfüllen.
- Vermeidbare Kosten quantifizieren – von der Abwasserbehandlung bis zur Rohstoffpreisvolatilität.
5. Standards & Zusammenarbeit: Über das Unternehmen hinausdenken
- Sich an kollektiven Plattformen wie SMI oder WBCSD beteiligen, um gemeinsame Messgrößen zu entwickeln.
- Mit Regulierungsbehörden an Konzepten der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) arbeiten.
Diese Prioritäten markieren die zentralen Schritte, die die Pharmaindustrie jetzt gehen muss. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sie fest in den Alltag, den Lieferketten und Produktionsstätten zu integrieren.
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